Professor Hermann Goltz und Erzpriester Alexei Tomiouk:
Die Orthodoxe Hauskirche des Heiligen Kreuzes in den Frankischen Stiftungen zu Halle an der Saale

1. Halle und Russland
2. Die Weihe der orthodoxen Hauskirche in den Franckeschen Stiftungen
3. Das innere der Hauskirche
4. Die Fresken und Ikonen der Hauskirche
5. Die Themen der Wandmalerelen und Ikonen
6. Die Gemeinde
7. Gottesdienste
8. Die Russische Orthodoxe Kirche
9. Die Russische Orthodoxe Kirche in Deutschland
10. Deutschsprachige Literatur in Auswahl
11. Partnerschaft- und Wohltätigkeitsaktivitäten der Gemeinde zu Halle

1. Halle und Russland

Im den vielschichtigen Beziehungen zwischen dem Makrokosmos des Russischen Reichs und dem Mikrokosmos der Franckeschen Stiftungen vor den Toren der Universitätsstadt Halle lassen viele bedeutende Namen aufhorchen: nicht zuletzt der von Zar Peter dem Großen, der damals gerade Russlands Fenster gen Westen aufstieß, – natürlich auch der Name des Hauptes der hallischen Pietisten, August Hermann Francke, der sich zusammen mit seinen hallischen Mitarbeitern hinsetzte, um Russisch zu lernen, – ebenso der Name von Erzbischof Feofan Prokopowitsch, Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche, geistige und praktische Stütze Peter des Großen bei dessen heiß umstrittenen Reformen, – auch unvergesslich der Name von Heinrich Wilhelm Ludolf – Diplomat, Polyglott und früher Ökumeniker in östlichem und westlichem Gelände, Verfasser einer ersten Grammatik der russischen Sprache, die in Oxford erschien, – aber auch zu erinnern sei der Name von Georg Wilhelm Steller, Arzt und Naturwissenschaftler, Teilnehmer an der Großen Nordischen Expedition nach Sibirien und Alaska, – besonders bemerkenswert der Name des griechisch-orthodoxen Gelehrten und Bischofs Eugenios Bulgaris, einer der geistigen Führer zur künftigen Befreiung Griechenlands vom Türkenjoch und ,Lieblingsprälat‘ der Zarin Katharina der Großen, welcher vom Heiligen Berge Athos über Halle nach Russland kam, und – last not least – auch die Name den Pleiade gelehrter Hallenser an der Sankt – Petersburger Akademie der Wissenschaften in deren Gründungszeit. So überrascht es eigentlich nicht, dass die ersten russischen Bücher in Deutschland in der auch heute noch arbeitenden „Typographie“ des Franckesehen Waisenhauses in Halle gedruckt wurden. Besonders berühmt wurde in Russland die hallische Edition dem „Bücher vom Wahren Christentum“ von Johann Arndt in der russischen Übersetzung von Simeon Todorski. Dieser ukrainisch-russische orthodoxe Theologe, der 1729-1735 in Halle studiert und als Übersetzer gewirkt hatte, ist nach seiner Rückkehr in die Heimat auch als der Religionslehrer des zukünftigen Zarenpaares, der Peter III. und Katharina der Großen, hervorgetreten. Durch seine Kenntnis des Luthertums in pietistisch – hallischen Variante wie auch der orthodoxen Kirche konnte er dem deutschen Zarenpaar die Nahe der Protestantismus und Orthodoxie überzeugend demonstrieren. Seit 1777 war Simeon Todorski Bischof im westrussischen Pskow.

Bekannt ist auch aus der hallischen Zeit Simeon Todorskis, dass seine Hauptsorge neben Studium und Übersetzungswerk den russischen Soldaten galt, die seinerzeit dem preußischen König vom Zaren geschenkt worden waren und die auch in der hallischen Garnison dienten. So kann man in dem bedeutenden russischen Theologen und Simeon Todorski möglicherweise auch den ersten orthodoxen Seelsorger in der Geschichte der Stadt Halle sehen.

Mehr als zweihundert Jahre später, seit 1941 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, lebten und arbeiteten in Halle an der Saale zahlreiche russische Menschen, als so genannte ,,Ostarbeiter“. Unter außerordentlich harten Bedienungen der Zwangsarbeit und der Kriegsgefangenschaft gab es unter diesen Menschen, deren Glaube unter sowjetischer Herrschaft grausam unterdrückt worden war, Sehnsucht nach orthodoxem Gottesdienst, es gab Trost und Ermutigung durch den Glauben, Mitgefühl und gegenseitige Unterstützung.

Im Archiv des Priesters der Berliner russisch–orthodoxen Gemeinde, welches die Gestapo zusammen mit missionarischer Literatur Anfang des Jahres 1943 in dessen Wohnung in der Regensburger Straße – 10a beschlagnahmte, findet sich ein Brief dreier russischer Mädchen, die ihm aus einem Lager in Halle geschrieben hatten. „Ich weiß nicht, wie sie davon erfuhren, dass meine Wohnung abgebrannt ist“, schreibt er in seinen Erinnerungen. „Wahrscheinlich hat ihnen jemand aus Berlin davon berichtet, und so beschlossen sie, mir, einem unbekannten Priester, einen Brief des Mitgefühls zu schreiben. …Die barmherzige Bereitschaft der russischen Seele!“ Hier ein Auszug aus diesem Brief der jungen russischen Zwangsarbeiterinnen aus Halle: „An den Vater Archimandrit Ioann Schachovskoj! – Der Friede Gottes sei mit Ihnen, hochachtbarer Vater Archimandrit, Ioann Schachovskoij, von den Mädchen Katja, Vera und Sascha. Wir arbeiten schon das zweite Jahr in Halle in der Krause – Fabrik, und wir leben, Gott sei Dank, nicht schlecht. Und so haben wir die Mädchen, als wir von Ihrem Unglück erfuhren, beschlossen, diesen Brief zu schreiben, in dem wir unser Mitgefühl für Sie und über ihren Verlust ausdrücken, weil wir auch viel verloren haben, und wir wollen nochmals herzlichst unser Mitgefühl aussprechen und Sie bitten, unsere gemeinsame, aber nicht große Hilfe anzunehmen. Denn wir denken, dass Ihnen unsere Lebenslage in einem fremden Land bekannt Sein wird. Wir leben in einem Gruppen – Lager, in dem sich 31 Mädchen befinden, die Arbeit ist nicht schwer, man verpflegt uns nicht schlecht und im Durchschritt bekommen wir 18 Mark pro Monat. Nur eins ist schlecht, dass nicht alle Mädchen den richtigen Weg verstehen wollen, den das ganze Volk gehen soll. Aber ungeachtet dieser Mädchen gibt es in uns eine große Wandlung. Viele Mädchen, wenn auch bei weitem nicht alle, halten sich an die Gebote Gottes. Bei der Wandlung, die mit uns geschah, halfen uns die heiligen Bücher: die Bibel, das Evangelium, der Katechismus, die wir uns dank Ihrer Bemühungen um die Verbreitung der heiligen Bücher beschaffen konnten und auch dank Viktor Adrianowitschs, der uns bei der Beschaffung einiger weiterer Lehrbücher half. Erlauben Sie uns, damit diesen kurzen Brief zu beenden. … Wir wünschen Ihnen das Allerbeste von Gott unserem Herrn. Leben Sie in guter Gesundheit und in Wohlergehen Ihr ganzes weiteres Leben. In Frieden Ihre Mädchen Katja, Vera und Sascha.“ Dem Brief lag eine Geldsumme von 20 Mark bei – mehr als ein Drittel des Monatseinkommens aller drei Mädchen“ (aus den Erinnerungen von Bischof Ioann [Scha’chovskoj], „Stadt im Feuer“)

2. Die Weihe der orthodoxen Hauskirche in den Franckeschen Stiftungen

Seit Herbst 1998 kommt der Vorsteher der Russischen Orthodoxen Kirche zu Leipzig, Vater. Alexei Tomiouk, regelmäßig nach Halle, um hier für orthodoxe Christen Gottesdienste abzuhalten. Nachdem bereits zu Anfang der 80er Jahre in der evangelischen Pauluskirche von dem russischen Klerus der Leipziger orthodoxen Kirche ein erster orthodoxer Gottesdienst im 20. Jahrhundert in Halle gehalten worden war, in welchem das hallische Oktett der Theologische Fakultät sang, wurde ab Samstag, dem 3. Oktober 1998, in der katholischen St. Moritz – Kirche in Halle regelmäßig orthodoxer Gottesdienst gefeiert.

Am 5. Juni 1999 fand die erste Versammlung der orthodoxen Gemeinde in Halle statt. Es wurden wichtige Entscheidungen getroffen. So wurde gemeinsam das Patrozinium der neuen orthodoxen Kirchengemeinde bestimmt: Die Gemeinde steht unter dem Schutz des Heiligen Kreuzes und heißt „Gemeinde des Heiligen Kreuzes“. Sie untersteht der Diözese der Orthodoxen Kirche Russlands in Deutschland. Der Vorsteher der deutschen Diözese ist S.E. Erzbischof Feofan (Galinski) von Berlin und Deutschland. Während der ersten Gemeindeversammlung am 5. Juni 1999 wurde auch der erste Gemeinderat gewählt.

Am 10. und 11. Februar 2000 fand die Weihe des nahezu fertig gestellten orthodoxen Hauskircheleins in den Franckeschen Stiftungen zu Halle in den Gewölben des Untergeschossen von Haus 24 statt. Der 11. Februar des gregorianischen Kalenders (neuer Stil) entspricht in dem auch heute benutzten russischen orthodoxen Kirchenkalender (alter Stil; julianisch) dem 29. Januar. Das ist der Vortag der Feier der drei Ökumenischen Lehrer und Bischöfe, des hl. Basilius des Großen (von Caesarea in Kappadozien, in dessen Tradition im Westen der hl. Benedikt stand), des hl. Gregor des Theologen (Gregor von Nazianz), und des großen Predigers, des hl. Johannes Chrysostomus („Goldmund“). Patriarch von Konstantinopel. Die Weihe der kleinen orthodoxen Hauskirche am Vortage des Gedächtnisses dieser drei großen Theologen der gesamten Christenheit ist ein hoffnungsvolles Zeichen für die Ökumene und für das gemeinsame Studium von Orthodoxen, Evangelischen und Katholiken in dem wiederzubegründenden Collegium Orientale Theologicum, das Francke hier zu Anfang des 18. Jahrhunderts ins Leben gerufen hatte.

Die Weihe der kleinen, aber schönen Hauskirche nahm Erzbischof Feofan von Berlin zusammen mit Priestern und Diakonen der Diözese Deutschland vor, die zu diesem hohen Festtag zusammen mit orthodoxen Gemeindemitgliedern aus Berlin und Leipzig nach Halle gekommen waren. An der Freude der orthodoxen Gemeinde nahmen auch Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche aus Halle und Magdeburg Anteil.

Erzbischof Feofan wandte sich an die evangelischen und katholischen Festgäste sowie die orthodoxen Gemeindemitglieder mit den Worten: «Die Schönheit der Hauskirche zeigt die Liebe zu unserem Herrn. Möge sie hier bestehen als die Kirche der Orthodoxen dieser Stadt und ihrer Umgebung: für Gottesdienste, zur Predigt des Evangeliums Christi und zur Bewahrung der besonderen geistigen Kultur der orthodoxen Kirche. Ich wünsche der hier ansässigen Gemeinde, dass ihre Hauskirche sie immer wieder ermutigt auf ihrem Lebensweg, sie in der Nächstenliebe und in der Liebe zu Gott unserem Herrn stärkt.»

Das Hallische Oktett der Theologischen Fakultät, das beim Weihegottesdienst mit dem russisch-orthodoxen Chor zusammenwirkte, gab anschließend im Freylinghausen – Saal der Franckschen Stiftungen ein Konzert mit liturgischen Gesängen der Orthodoxen Kirche, das einen tiefen Eindruck hinterließ.

3. Das innere der Hauskirche

Im Jahre 1998 war im Rahmen des Wiederaufbaus der Franckeschen Stiftungen die evangelische St. Georgs-Kapelle eingeweiht worden. Deren Georgs – Patrozinium erinnert an die Georgenkirche unweit der Franckeschen Stiftungen, die erste Kirche Franckes vor den Toren der Stadt Halle, an welche er berufen worden war. Nach der Einrichtung der St. Georgs-Kapelle blieben zwei schöne Tonnengewölbe gegenüber dieser Kapelle noch ohne Zweckbestimmung. Angesichts der engen Verbindungen der Stiftungen und der Universität zu Russland und zur Russischen Orthodoxen Kirche machte der Direktor des Seminars für Konfessionskunde der Orthodoxen Kirchen der Theologischen Fakultät der Martin–Luther-Universität Halle – Wittenberg, Prof. Dr. Hermann Goltz, gegenüber dem damaligen Direktor der Franckeschen Stiftungen, Prof. Dr. Paul Raabe, den Vorschlag, für die orthodoxen Stipendiaten der Universität Halle – Wittenberg, aber auch für die orthodoxen Christen der Stadt Halle und Umgebung, zum Zeichen Ökumenischer christlicher Verbundenheit eine orthodoxe Hauskirche in diesen Gewölben einzurichten.

Nachdem das Kuratorium der Franckeschen Stiftungen, dem damals Bundesaußenministers a. D. Hans Dietrich Genscher vorsaß, unter Mitwirkung der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen dem Plan zugestimmt hatte, wurde der Russischen Orthodoxen Kirche seitens der Franckeschen Stiftungen vorgeschlagen, die künftige orthodoxe Hauskirche unter ihre Jurisdiktion zu stellen. Nach Zustimmung von S.E. Erzbischof Feofan von Berlin übernahm Priester Alexei Tomiouk (Leipzig) von orthodoxer Seite die Leitung bei der Einrichtung der Orthodoxen Hauskirehe in den Franckeschen Stiftungen. Nach der Beendigung der Arbeiten hat das Oberhaupt der gesamten Russischen Orthodoxen Kirche, S. H. Patriarch Aleksij II. von Moskau und ganz Russland, Prof. Dr. Paul Raabe und Prof. Dr. Hermann Goltz stellvertretend für alle, die an der Schaffung der hallischen orthodoxen Hauskirche beteiligt waren, mit dem Orden des Rechtgläubigen Fürstm Danill von Moskau ausgezeichnet. In die Kirche, die in den Gewölbe – Substruktionen des Hauses 24 untergebracht ist, führt eine uralte steinerne Haustreppe hinab. Bereits der Vorraum zwischen der evangelischen St.–Georgs-Kapelle und der orthodoxen Hauskirche macht einen wunderbaren architektonischen Eindruck. Hier wurde ein alter Taufstein aus römischer Zeit ausgestellt – ein symbolisches Baptisterium für orthodoxe, evangelische und katholische Christen. Der Taufstein ist das Zeichen der einen Taufe kann die verlorene und wiedererstrebte Einheit der Kirchen. Die orthodoxe Hauskirche, in welche man aus dem Vorraum gelangt, wurde nach dem klassischen Tradition orthodoxer Kunst gestaltet, wie sie sich auch in der altrussischen Kirche ausprägten. Die Hauskirche besteht aus dem eigentlichen Kirchenschiff des Heiligen Kreuzes im südlichen Tonnengewölbe und aus der Vorkirche (einem Endonarthex) im nördlichen Tonnengewölbe. Vorkirche und Hauptkirche sind durch einen Durchgang in der Mitte der Gewölbe verbunden.

Die miteinander verbundenen Kirchenräume erinnern in überraschender Weise an uralte Tradition der orthodoxen Kirchenarchitektur, etwa an kleine kappadozische Höhlenkirchen oder an die doppelschiffigen Kirchlein auf der Insel Kreta. Glücklicherweise ist der alte Kern der Franckeschen Stiftungen, der „Lindenhof“ wie ein alter christliche Tempel in West – Ost – Richtung angelegt, sodass auch die Gewölbe der orthodoxen Hauskirche geostet sind und die Stellung des Altars damit der alten christlichen Tradition entsprechen kann: „Ex oriente lux!“

Die schwierigen baulichen Vorbereitungen nahm der um den Wiederaufbau der Franekeschen Stiftungen Hochverdiente Hannoveraner Architekt, Wilfried Ziegemeier, zusammen mit seiner tatkräftigen Bauleiterin, Frau Annette Lerch vor. Nach diesen Vorbereitungen konnte die Hauskirche in orthodoxer Manier vollständig ausgemalt werden. Die Kirchgemeinden von Halle und Umgebung haben in ökumenischer Weise Mittel für die Kirchenausstattung zusammen mit der orthodoxen Gemeinde gesammelt. Auf Vermittlung des damaligen Bürgermeisters von Halle, Dr. Klaus Rauen hat die Sparkasse Halle einen bedeutenden finanziellen Beitrag geleistet, der es erlaubte, das Werk, das nun auch ein sehr bemerkenswertes, seltenes Kunstdenkmal in Deutschland darstellt, auszuführen. Aus ganz Deutschland und aus dem Ausland kommen nun bereits Besucher, um diese „Heilige Höhle“ des orthodoxen Christentums im Herzen Deutschlands, Heimat für die orthodoxen Christen in der Fremde, zu besuchen.

4. Die Fresken und Ikonen der Hauskirche

An den Wänden der beiden Gewölbe befinden sich die Ikonen von Gerechten und Heiligen Alten und Neuen Testaments sowie Szenen aus der biblischen Geschichte. Der Entwurf des ikonographischen Programms stammt von dem russischen Ikonenmaler Wladimir Stscherbinin aus Moskau, der diesen dann zusammen mit seiner Ehefrau Marina Sinanjan ausgeführt hat. Der Ikonostas aus Bucherholz wurde von dem hallischen Handwerksmeister Eberhard Kull errichtet. Die Ikonen für den Ikonostas wurden von Erzpriester Ioann Zaretzkij von der Weimarer Orthodoxen Kirche der Apostelgleichen Maria Magdalena gemalt.

Das orthodoxe Gotteshaus besitzt als typische Besonderheit den Ikonostas (oder, griechisch, das Ikonostasion) und zumeist dazu eine vollständige Ausstattung mit Wandmalereien. Das Kreuz Christi ist das Zentrum der orthodoxen Ikonographie, um welches sich die Ikonen Christi, der Jungfrau und Gottesmutter Maria und der Heiligen scharen. Die Orthodoxe Kirche verehrt mit Liebe ihre Heiligen, die durch vielfältige Taten der Barmherzigkeit, der Geduld, der Sanftmut, des Fastens und des Gebetes und durch die unermüdliche Predigt des Wortes Gottes den Menschen den Weg zur Errettung, den Weg des Kampfes mit der Sünde zeigen. Im Gottesdienst und im Gebet zu Gott ruft der orthodoxe Christ auch alle Heiligen und die Engel um Hilfe und Fürbitten.

5. Die Themen der Wandmalerelen und Ikonen

Die Vorkirche (Endonorthex) zur Hauskirche symbolisiert mit Ihrer Ausmalung das Alte Testament. Sie steht im Zeichen der großen Ikone der „Philoxenia“ an der Stirnwand, dem großen biblischen Symbol der „Fremdenliebe“ und der „Gutfreundschaft“ (griechisch Philoxenia, slavisch Gostepriimstvo) in der typologischen Gestalt der „alttestamentlichen Dreifaltigkeit“ in Gestalt der drei Gottesbote (Bote = Angelos, Engel) bei Abraham und Sara im Hain Mamre (1 Mose, Kap. 18). „Gastfreundlich zu sein vergisst nicht! Denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“ (Hebr. 13,2).

An den Längswänden oben in den Medaillons der Rang der Erzväter und Erzmütter, von der Philoxenia an der Stirnwand her gesehen auf der nördlichen Seite (der Sara) in Reihenfolge:

Nach den Lebensbaum des Paradieses im ersten Medaillon (dessen Kreuzform das Kreuz Christi als neuen Lebensbaum bedeutet) in den folgenden: Adam (1. Mose Kap 2-3), Noah mit dem Symbol der Arche (1 Mose Kap, 6-9), über dem Fenster ein sechsflügliger Seraph (Jesaja 6), dann der Priesterkönig Melchisedek von Jerusalem (1. Mose Kap. 14) und Mose mit den Tafeln der Gebote (2. Mose Kap, 19-20 und 34).

Von der Philoxenia auf der Stirnwand her gesehen auf der südlichen Seite (des Abrahams) in Reihenfolge der Medaillons: nach dem Lebensbaum: Eva (1. Mose, Kap 1–3), Abel mit Opfertier (1. Mose Kap. 4), Henoch (1. Mose Kap. 5), David (1. und 2. Samuel, 1. Könige Kap. 1-2, Psalmen Davids), Anna und Joachim (Eltern der Gottesmuter Maria; vgl. das apokryphe Protoevangelium des Jakobus)

Unterhalb des Ranges der Erzväter und Erzmütter – der Rang der Propheten, mit geöffnet und geschlossenen Schriftrollen in den Händen

Nördliche Längswand (Sara – Seite) von der östlichen Stirnwand her: der Besuch des (Erz-) Engels Michael bei Gideon (Richter Kap, 6); Hesekiel, Jeremia, Habakuk, Maleachi.

Südliche Längswand (Abrahams – Seite) von der östlichen Stirnwand her: Am Bache Krit sitzt der Prophet Elia, den der Raabe nährt (1. Könige 17,6), Elisa, Daniel, Haggai, Nahum, Saharja, Samuel.

Auf der westlichen Rückwand rechts und links vom Eingang bzw. Ausgang: „Erbauung der Kirche“ als Symbol für die Erbauung der Gemeinde (versinnbildlicht durch den Bau der Uspensklj – Kathedrale – der Kathedrale des Entschlafens der Gottesmutter – im Moskauer Kreml) „Uns ist das prophetische Wort, das wir haben, fester geworden, und ihr tut gut, darauf zu achten als auf ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint, bis der Tag abbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen“ (2. Petr. 1,19).

Die Hauskirche (im südlichen Gewölbe) Symbolisiert das Neue Testament. Sie steht für die Botschaft der Gewaltlosigkeit und Menschenliebe in der Philanthropia Gottes in Christus und in den Gestalten seiner Heiligen, so der Leidensduldner Boris und Gleb (11. Jh.), der beiden frühesten russischen Heiligen. Sie beteiligten sich nicht an den blutigen Machtkämpfen um den Thron des Kiewer Großfürsten und wurden dennoch in diesen Kämpfen umgebracht. Sie litten lieber Gewalt, als dass sie Gewalt übten.

Im Osten an der Stirnwand des Allerheiligsten (hinter dem Ikonostas): die Deisis („Fürbitte“) – im Zentrum Christus der Gekreuzigte und Auferstandene als Allherrscher (Pantokrator) auf dem Thron (d. i. dem Altar). Auf dem aufgeschlagenen Evangeliar steht kirchenslavisch aus dem Evangelium des Matthäus: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir“ (Kap. 16, 24f). Fürbittend zur Rechten Christi die Jungfrau und Gottesgebärerin Maria, zur Linken Johannes der Vorläufer und Täufer.

Auf der Seite der Gottesmutter an der nördlichen Längswand im Allerheiligsten – die Kreuzigung Christi, darüber im Medaillon der Erzengel Gabriel.

Auf der Seite Johannes des Täufers an der südlichen Längswand im Allerheiligsten: das Letzte Abendmahl (Griechisch Mystykos Deipnos; sowie slavisch Tajnaja Vetscherja – das Mystische Mahl – bedeutet: „Das Mahl des Geheimen Ratschlusses Gottes), darüber im Medaillon der Erzengel Michael.

Der Ikonostas (oder das Ikonostasion – Bilderwand oder Ikonenwand): Oberste Rang: über der zum Altar führenden Königstür oder schönen Pforte – das Letzte Abendmahl (vgl. die Erklärung zum Allerheiligsten), links davon (vom Kirchenschiff her gesehen) – die Geburt Christi, rechts vom Letzten Abendmahl – die Aufrichtung des Lebenspendenen Kreuzes des Herrn in Jerusalem (Patroziniums-Ikone oder „Orts–Ikone“ der Gemeinde); rechts und links Seraphe. Unterer Rang: links von der Königstür die Ikone der Allerheiligsten Gottesgebärerin mit Christus (Hodigitria – „Wegweiserin“), rechts von der Königstür – die Ikone des Christus Pantokrator, auf dem aufgeschlagenen Evangeliar steht kirchenslavisch aus dem Evangelium des Johannes (Kap.9,11): „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Auf der Königstür in der Mitte des Ikonostas: die Verkündigung des Erzengels Gabriel an die Jungfrau Maria und die vier Evangelisten.

An der nördlichen Längswand (Eingang), vom Ikonostas bis zur rückwärtigen Westwand: im Medaillon oben – der hl. Apostel und Evangelist Lukas, darunter der hl Aleksij von Moskau, der Wundertäter, weiter im Medaillon der hl. Apostel und Evangelist Matthäus, darunter der hl. Nikolaus von Mira, der Wundertäter, weiter im oberen Rang der hl. Apostel und Evangelist Markus, darunter der hl. Maximus der Bekenner, weiter im oberen Rang der hl. Apostel und Evangelist Johannes, darunter der hl. Leidenduldner Boris (Bruder des gegenüber gemalten hl. Gelb), nach dem hl. Markus – Medaillon wohl nicht zufällig neben der Auferstehung an der Westwand der einst ungläubige Apostel Thomas, darunter die hl. Fürstin Olga von Kiew.

An der südlichen Längswand gegenüber dem Eingang, vom Ikonostas her: zunächst ein Seraph, dann im oberen Register der Apostel Petrus, darunter typologisch der hl. Metropolit Petrus von Moskau, wieder ein Seraph, dann oben der hl. Apostel Paulus, darunter der ehrw. Sergij von Radonesh, wieder ein Seraph, alsdann oben der Apostel der Griechen und Slaven, Andreas, darunter der hl. Leidensduldner Gleb, oben Apostel Philipp, darunter der hl. Wladimir von Kiew, unter welchem die Kiewer Rus‘ getauft wurde, danach wieder ein Seraph.

Westliche Rückwand, gegenüber dem Ikonostas: Rechts die Höllenfahrt Christi d. i. die Auferstehung, Christus rettet die Menschheit – Adam und Eva – aus dem ewigen Verderben wieder auf. Das Heil Gottes gilt der ganzen Schöpfung – daher links: der hl Spyridon segnet das Vieh. In der Mitte die Oster-Stichira (Vers in Kirchenslavisch): „Deine Auferstehung, Christe Retter, erleuchtet hat die ganze Welt, und berufen hast du deine Schöpfung: allmächtiger Herr, Ehre dir.“

6. Die Gemeinde

Die Universität Halle und die Franckeschen Stiftungen waren schon im 18. Jahrhundert das Ziel orthodoxer Russen, Griechen, Bulgaren. Rumänen und orthodoxer Menschen anderer Nationalitäten. Francke brachte von seiner Reise nach Amsterdam den bedeutenden armenischen Theologen und Typographen Lukas Nuridjanian an die Saale. Heute leben hier in Halle einige Hundert orthodoxer Christen. Aber zu orthodoxen Gottesdiensten oder zur Feier der heiligen Sakramente hatten bis vor wenigen Jahren die orthodoxen Gläubigen in und um Halle nach Leipzig in die dortige Gedächtniskirche des Hl. Alexij zu fahren. In einzelnen Fällen kam der orthodoxe Geistliche aber auch nach Halle. In Leipzig, der bedeutenden europäischen Messestadt, wurde der orthodoxe Gottesdienst bereits seit etwa 300 Jahren von den griechischen Kaufleuten, aber auch von den russischen Studenten, regelmäßig gefeiert. Eine ansässige russische orthodoxe Gemeinde existiert hier seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Seit 1913 besitzt sie die das Leipziger Stadtbild mitprägende Gedächtniskirche des Hl. Alexij von Moskau, die zum Gedächtnis der gefallenen Russen 100 Jahre nach der Leipziger Völkerschlacht errichtet wurde.

Heute vereint der christlich-orthodoxe Glaube in den Gottesdiensten in Halle in Brüderlichkeit Russen, Deutsche und Bulgaren. Es kommen ständig bis zu 60 aktive Gläubige sowie evangelische und katholische Mitbetende zur Feier der Orthodoxen Liturgie Die katholische Schwesternschaft aus dem nahe gelegenen Elisabeth-Krankenhaus wie auch die Diakonissen aus dem Evangelischen Diakoniewerk Halle sind häufige Besucherinnen. Viele von den orthodoxen Gottesdienstbesuchern leben schon seit langem in Deutschland. Sie sind in Geduld bemüht, den Reichtum ihres orthodoxen Glaubens und die Traditionen ihrer nationalen Kultur zu erhalten und zu pflegen. Andere Gemeindemitglieder, darunter auch Russlanddeutsche, die im orthodoxen Glauben getauft sind, sind erst vor kurzem nach Deutschland gekommen und haben zu ihrer großen Freude in dieser Gemeinde einen unerwarteten Raum für Gottesdienst, für Gebet und für geistigen Trost gefunden. Die hallische orthodoxe Gemeinde ist multinational und bietet eine Heimat für alle orthodoxen Christen, die in ihren Herkunftsländern der griechischen, serbischen, bulgarischen oder rumänischen orthodoxen Kirche oder einer der anderen autokephalen (selbständigen) Kirchen der weltweiten Orthodoxie angehören. Es gibt zwar keine „Deutsche Orthodoxe Kirche“ aber offizielle Vertretungen der genannten orthodoxen Kirchen aus unterschiedlichen Ländern sind in Deutschland zu Hause. Durch viele Einheiraten ist eine Inkulturation der Orthodoxie in Deutschland durchaus im Gange.

Das erste Ziel der orthodoxen Kirchengemeinde ist die Anbetung des dreieinigen Gottes und die Verehrung Seiner Engel und Heiligen nach der Tradition der östlichen Kirche, vorwiegend in kirchenslawischer Sakralsprache. Das zweite Ziel ist die Sammlung von orthodoxen Christen in einer Gemeinde. Dabei steht die Bezeichnung „russisch – orthodox“ lediglich für die jurisdiktionelle Zugehörigkeit der Gemeinde zur Russischen Orthodoxen Kirche und ihrem Oberhaupt, dem Patriarchen von Moskau. Vertreten wird er in Deutsehland durch Erzbischof Feofan von Berlin. Die zuständige Pfarrei betreut seelsorglich alle orthodoxen Christen. Somit hat heute der Priester zusammen mit der neue orthodoxen Gemeinde folgende wichtige Funktionen: Vertretung des christlichen orthodoxen Glaubens im panorthodoxen Sinne, Feier von orthodoxen Gottesdiensten und Ausübung von Seelsorgediensten an orthodoxen Christen.

Den anderen Christen und Mitbürgern steht die Hauskirche als ökumenische Begegnungs- und Informationsstätte zur Verfügung. Dies ist das dritte Ziel: durch Gespräche Vorurteile gegenüber der östlichen Christenheit, ja überhaupt gegenüber den Menschen aus dem Osten abbauen und als integrative Zelle und Kulturbotschaft zu wirken.

Nach den ersten ökumenischen Spendenaktionen sind weitere Spenden sehr erwünscht zur Instandhaltung der Hauskirche und zur Sicherstellung der Mittel für regelmäßige Abhaltung der Gottesdienste, wozu die Bildung eines gewissen Fonds erforderlich ist, der etwa 2.500 EUR jährlich disponibel halten muss. Zur Aufsicht über die Spendensammlung und zur gemeinsamen Beratung wurde 1999 der Gemeinderat gewählt.

7. Gottesdienste

Entsprechend der Anordnung von Erzbischof Feofan kommt der orthodoxe Erzpriester Alexei Tomiouk regelmäßig von Leipzig nach Halle, um die Göttliche Liturgie zu feiern und die heiligen Sakramente zu vollziehen und andere notwendige Angelegenheiten zu erledigen. Zur besseren Information wird regelmäßig ein Gottesdienstplan erstellt und verteilt. Neben den regelmäßigen Gottesdiensten, zur Zeit jeden ersten und zweiten Sonnabend um 9 Uhr, können von den Gläubigen Taufen, Trauungen, Bitt- und Dankgottesdienste (Moleben), Krankengottesdienste und Totengottesdienste (Panichiden) angemeldet werden. Es wird freitags oder samstags auch Religionsunterricht für Gemeindemitglieder vom Priester erteilt.

Die Hauskirche ist für alle geöffnet und kann von jedermann, der sich darin ehrerbietig verhält, besucht werden. Auch unsere Gottesdienste sind allgemein zugänglich. Teilnahme an der Heiligen Kommunion setzt aber die Zugehörigkeit zur Orthodoxen Kirche voraus. Körperliche und seelische Nüchternheit und vorherige Beichte sind ebenfells erforderlich. Zur Teilhabe am Antidoron (gesegnetes, nicht konsekriertes eucharistisches Brot) am Schluss der Liturgie sind alle zugelassen.

8. Die Russische Orthodoxe Kirche

Russland kam sehr früh mit dem Christentum in Berührung. Der heilige Apostel Andreas, ein Bruder des heiligen Apostels Petrus, gelangte über das Schwarze Meer bis nach Kiew, um das Evangelium Christi zu predigen. Sein Weg führte nach Schilderungen alter Chroniken weiter in das Baltikum und nach Byzanz. Das im alten Russland heilige Andreaskreuz findet sich bis heute auch auf anderen europäischen Flaggen und erinnert an diese apostolische Reise.

Im Jahr 988 ließ sich der russische Fürst Wladimir taufen und erklärte das Christentum zur Staatsreligion Russlands. Damit begann die Christianisierung der Rus‘ und die Herausbildung der Orthodoxen Kirche. Die Russische Orthodoxe Kirche bekennt den Glauben mit den Worten des Nizäano – Konstantinopolitanischen Credo, das auch in der Westchristenheit an hohen Festen bekannt wird und dessen Wortlaut auch außerhalb der Kirchen etwa durch die h-moll – Messe Johann Sebastian Bachs allgemein bekannt ist. Durch ihr intensives liturgisch–sakramentales Leben sind die orthodoxen Gläubigen in einer innigen Weise durch Christus mit Gott und seinen Heiligen verbunden. Die Ikonen der Orthodoxen Kirche sind die „Fenster“ in Gottes Welt und in ihrer wahrnehmbaren materiellen Schönheit Künder der Menschwerdung Gottes des Schöpfers, alles Sichtbaren und Unsichtbare. Die Ikone ist Ausdruck und Mittel für Gläubigkeit. Die gottesdienstliche Verehrung vor der Ikone gilt nicht dem Abbild, der Ikone, sondern dem Urbild, dem Archetyp, also dem unsichtbaren Gott selber. Diese Verehrung Gottes findet auch musikalisch ihren Ausdruck im gottesdiestlichen Gesang des Priesters und der Gemeinde, der durch den Chor angeführt wird. Aus der Verehrung des wahren Menschen und wahren Gottes Jesus Christus fließt ein hohes Maß an Toleranz für das Menschliche, welches die Orthodoxe Kirche kennzeichnet und für ökumenische Gemeinsamkeit öffnet.

Die über eintausend Jahre währende Geschichte des Christentums in Russland weist glanzvolle Höhn, aber auch dunkelste Tiefen auf. Ihre schwerste Zeit begann mit der bolschewistischen Revolution in Russland (1917) vor nur wenigen Jahrzehnten: Ungezählte Gläubige und Priester wurden Opfer der größten Christenverfolgung im der Geschichte der Menschheit. Sie wurden verhaftet, gefoltert und 10 Hekatomben ermordet. Zehntausende Kirchen und Klöster wurden zerstört oder missbraucht. Unsäglichste Sakrilege wurden begangen, um das Christentum lächerlich zu machen und auszulöschen.

Heute gibt es in Russland wieder über 20.000 orthodoxe Gemeinden mit etwa 80 Millionen Gemeindegliedern. Die Kirche in Russland ist in 130 Diözesen gegliedert und verfügt über 450 Klöster, drei theologische Akademien und 46 geistliche Lehranstalten. Außerdem hat die Russische Orthodoxe Kirche außerhalb Russlands weltweit weitere Diözesen, Klöster und Gemeinden.

9. Die Russische Orthodoxe Kirche in Deutschland.

Die erste Stätte im deutschsprachigen Raum, an der regelmäßig russische orthodoxe Gottesdienste gefeiert worden waren, lag außerhalb des Territoriums des damaligen „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“. Es war die Hauptstadt des Herzogtums Preußens, wo seit 1655 russische orthodoxe Gottesdienste stattfanden. Bald wurden dann auch an anderen Orten orthodoxe Kirchen eingerichtet, so 1718 in Berlin als Zar Peter I. dem preußischen König Friedrich Wilhelm I. eine Gruppe von 55 russischen Grenadieren für dessen Paradentruppe überließ. Nachdem Breslau unter preußische Herrschaft gekommen war, gewährte König Friedrich II. im Jahr 1750 den dort lebenden „Kaufleuten aus der Ukraine russischer Nation“, dass sie „ihren Gottesdienst nach den Gebräuchen und Gewohnheiten der morgenländischen Kirche in einem zu solchem Behufe daselbst zu mietenden Hause einrichten und frei und ungehindert existieren und mit einem Priester und anderen benötigten Kirchenbedienten versehen mögen.“

In den nächsten Jahrzehnten wurden dann, meist in Residenzstädten mit russischen Gesandtschaften oder wegen dynastischer Verbindungen, weitere russische orthodoxe Kirchen und Gemeinden in Deutschland errichten z B. in Berlin (1718), Weimar (ab 1804 an verschiedenen Stellen, 1862 Weihe der Begräbniskirche für die Großherzogin Maria Pavlovna), Potsdam (1920), Dresden (1874), Stuttgart (1895), Darmstadt (1399). Andere Kirchen wurden in weiteren fürstlichen Residenzen oder an Kurorten errichtet, in welche zahlreiche russische, aber auch reiche rumänische, bulgarische und griechische Gäste strömten: z. B. Bad Ems (1876), Baden-Baden (1882), Bad Homburg (1899), Bad Kissingen (1901), Bad Nauheim (1907) und Bad Brückenau (1908) u. a. Obwohl die orthodoxen Gemeinden bei den meisten der genannten Kirchen nur sehr klein waren, wirkten doch etliche bedeutende Persönlichkeiten als Geistliche in Deutschland, wie beispielsweise der erste Weimarer orthodoxe Priester Nikita Jasnowski (1775-1837), der erste russische Übersetzer der orthodoxen Liturgie ins Deutsche, als großherzoglicher Bibliothekar Vorgänger von Dr. J. F. Eckermann, weiter der international anerkannte gelehrte Weimarer Erzpriester Stefan Sabinin (1789-1863), der Wiesbadener Protopresbyter Ioann Janyschew (1826-1910), der Weimarer Erzpriester Vladimir Ladinskij (1834-1896), Übersetzer wichtiger deutscher theologischer Werke ins Russische, der Propst der Berliner Gesandtschaftskirche Erzpriester Alexij von Maltzew (1854-1916), ein beachtliche Liturgie Wissenschaftler und Übersetzer wichtiger deutscher, der in Berlin, Weimar und Dresden diente, die Errichtung der Leipziger Gedächtniskirche anregte, u. v. a.

Zurzeit gibt es in der Bundesrepublik Deutschland eine ständige Vertretung und eine Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats. Der Sitz der Diözese ist Berlin. Derzeit gibt es über 40 organisierte Gemeinden der Berliner Diözese der Russischen Kirche, die von Erzbischof Feofan von Berlin und 30 Priester und Diakonen betreut werden.

10. Deutschsprachige Literatur in Auswahl

(chronologisch):

1. D. Cyzevskyj, Das „Wahre Christentum“ Arndts in Rußland: Evangelium und Osten 8 (1938), 31 – 47.

2. E. Benz, A. H. Franke und die deutschen evangelischen Gemeinden in Rußland, in: Auslanddeutschtum und Evangelische Kirchen, Jahrbuch, Bd. 5, München 1936, 143 – 191.

3. D. Cyzevskyj, Die russischen Drucker der hallenser Pietisten: Kyrios, Vierteljaresschrift für Kirchen- und Geistesgeschichte Osteuropas 4 (1939/1940), 286 – 310.

4. D. Cyzevskyj, Der Kreiß A. H. Frankes und seine slavistischen Studien. Ein vergessenes Kapitel aus der slawischen Philologie. Zeitschrift für slavistischen Philologie, Bd. (1939), 44 – 47.

5. E. Winter, Halle als Ausgangspunkt der deutschen Rußlandkunde im 18. Jahrhundert, Berlin 1953.

6. E. Winter, Die Pflege der west- und südslavischen Sprachen in Halle im 18. Jahrhundert, Berlin 1954.

7. J. Tatzner, Heinrich Wilhelm Ludolf und Rußland, Berlin 1955.

8. E. Winter, „Einige Nachricht von Herrn Simeon Todorskji“, Ein Denkmal der deutsch – slawischen Freundschaft im 18. Jahrhundert. Zeitschrift für Slavistik, 1 (1956) 70 – 100.

9. Bischof loann (Schachovskoi), Gorod v ogne (Stadt im flammen), in: Pisma o vremennom i vechnom (Briefe über Ewiges und Zeitliches), New York 1960).

10. T. A. Bykova, Über in Halle gedrückte slawische Bücher, in: Ost und West in der Geschichte des Denkens und kulturellen Beziehungen. FS Eduard Winter zum 70. Geburtstag, hrsg. v. W. Steinitz, u.a. Berlin 1966, 262 – 267.

11. J. A. Dietze, Frankes „Anfang der christlichen Lehre“ in russischen Übersetzung, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Universität Halle 27 (1978), Gesellschaft- und Sprachwissenschaftliche Reihe, H. 3, 79 – 94.

12. H. Goltz, Ekklesia universa, Heinrich Wilhelm Ludolf und die orientalischen Kirchen, wissenschaftliche Zeitschrift der Martin – Luther – Universität Halle – Wittenberg, XXVIII/ 1979 (G), H. 6, 19 – 37.

13. H. Mai und J. Flemming, Die Russischen Orthodoxen Kirchen in Potsdam, Dresden, Leipzig und Weimar, Berlin 1983.

14. K. Gäde, Russische Orthodoxe Kirche in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert, Köln 1983.

15. H. – Chr. Dietrich, Die russische orthodoxe Alexander – Nevskij – Kirche in Potsdam und ihre Gemeinde, in: Herbergen der Christenheit, 1983/84, Beiträge zur deutschen Kirchengeschichte XVI, Berlin 1985, 37 – 57.

16. Makarij (Igumen), i.e.P. Veretennikov, Die (Kirche der) apostelgleiche Maria Magdalena zu Weimar. Studien in ihre Geschichte, diss. Theol. Masch., halle 1988 (in leider sehr fehlerhaften Weise in der Reihe OIKONOMIA, hrsg. Von K. Chr. Felmy, erlangen, 1999).

17. H. Goltz, Die neupentdeckte Prolog – Band von 1600/90 – ein Denkmal russischer Spiritualität, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Martin – Luther – Universität Halle – Wittenberg, XXXVIII 1989, gesellschaftswissenschaftliche Reihe, 113 – 134.

18. K. Gäde, Russische Orthodoxie in Deutschland während der Zeit des Hitler – Faschismus, in: H. Goltz (Hrsg.), Tausend Jahre Taufe Rußlands, Leipzig 1993, 237 -243.

19. H. – D. Döpmann, Orthodoxie in Berlin, in: H. Goltz (Hrsg.), Tausend Jahre Taufe Rußlands, Leipzig 1993, 225 -236.

20. W. Kahle, Das deutsche katholische und protestantische Bild der russischen Orthodoxie im 19. Jahrhundert, in: H. Goltz (Hrsg.), Tausend Jahre Taufe Rußlands, Leipzig 1993, 543 – 556.

21. S. Hillert, Leipzig und Rußland im 18. Jahrhundert, Zu den Tradition deutsch – russischen Wirtschafts- Kultur- und Kirchenbeziehungen, in: H. Goltz (Hrsg.), Tausend Jahre Taufe Rußlands, Leipzig 1993, 635 – 653.

22. H. Goltz, Tausend Jahre Taufe Rußlands zu den Millenium der deutsch – russischen Beziehungen, in: H. Goltz (Hrsg.), Tausend Jahre Taufe Rußlands, Leipzig 1993, 47 – 69.

23. H. Freidank, Beobachtungen zur Sprache von Todorskjis Übersetzung von „Vier Bücher vom wahren Christentum“, in: H. Goltz (Hrsg.), Tausend Jahre Taufe Rußlands, Leipzig 1993, 325 -331.

24. H. Goltz (Hrsg.), unter Mitarbeit von A. Meißener und P. Weniger, Tausend Jahre Taufe Rußlands – Rußland in Europa, Beiträge zum interdisziplinären und ökumenischen Symposion in Halle, 13. – 16. April 1988, Leipzig 1993.

25. H. Goltz (Hrsg.), Ein griechisch – orthodoxe Aufklärer in Halle, Zur Vita des Eugenios Bulgaris (1716 – 1806), in: Aufklärung und Erneuerung, Beiträge zur Geschichte der Universität Halle im ersten Jahrhundert ihres Bestehens, (1694 – 1806), Zur Dreihundertjahrfeier im Auftrag des Rektors, hrsg. von Viktor Jarouscheck und Arno Sames unter Mitarbeit von Michael Beintker, Reiner Enskat, Erhardt Hirsch, Josef N. Neumann, Richard Saage, Udo Strätter, Hanau und Halle 1994, 355 – 374.

26. H. Goltz (Hrsg.), „Tilge meine Schmerzen“, Zum biblisch – theologischen Spannungsbogen in der russischen Gottesmutterbildes, in: Reformation und Neuzeit. 300 Jahre Theologie in Halle, hrsg. von Udo schnelle, Berlin / New York 1994, 107 – 115.

27. W. Hintzsche, Th. Nikol (Hrsg.), Die große nordische Expedition, Georg Wilhelm Steller (1709 – 1746). Ein Lutheraner erforscht Sibirien und Alaska, Gotha 1996.

28. H. Goltz, Erzbischof Feofan Prokopovitsch – ein Vorkämpfer der
Petrinischen Reformen, in: W. Hintzsche, Th. Nikol (Hrsg.), Die große nordische Expedition…, Gotha 1996, 40 – 43.

29. Chr. Fleckenstein, H. Schmidt, Übersetzung und Druck der religiösen Literatur in Waisenhausdruckerei, Heinrich milde, Simeon Todorskji, in: Beiträge zur Geschichte der Slavistick (an der Martin – Luther Universität Halle – Wittenberg, Halle 1997(Slavika Varia Hallensia, 2), 9 – 13.

30. H. Goltz, Commertium nationum et Ecclesia universa, in: Vier Thaler und sechzehn Groschen, August Hermann Franke – Der Stifter und sein Werk, Halle 1998, 185 – 193.

31. H. Goltz, Zur ökumenischen Relevanz der orthodoxen eucharistischen Theologie und Frömmigkeit, in: Ökumenische Rundschau 47 (Frankfurt/Main 1998),
462 – 471.

32. M. Fundaminskij, Die Russica – Sammlungen der Franckeschen Stiftungen zu Halle, Halle 1999.

11. Partnerschaft- und Wohltätigkeitsaktivitäten der Gemeinde zu Halle

Nach der Einrichtung der Hauskirche in Halle, die im Februar 2000 abgeschlossen wurde, erscheint es dringend, sich der zweiten wichtigen Zielsetzung der Gemeinde des Heiligen Kreuzes zuzuwenden – der Wohltätigkeitsarbeit. Nach Überzeugung der Gemeindemitglieder geht es vor allem um die partnerschaftliche Unterstützung des Aufbaus christlicher kirchlich geleiteter Sozialarbeit in Russland.

Zur Zeit hilft unsere Gemeinde der Hl.-Neumartirer-Gemeinde der Orthodoxen Kirche in der Stadt Smolensk (Russland). Diese Gemeinde ist in Russland für die Durchführung ihrer Wohltätigkeitsarbeit auch auf Zuwendungen und Spenden angewiesen. Einen Beitrag dazu lieferten auch die Spenden, gesammelt in der Gemeinde zu Halle zum Osterfest des Jahres 2001. Die Gemeinde braucht weitere Unterstützung – das Spendenkonto: 387 307 245, BLZ: 800 537 62, Sparkasse Halle/Saale.

Somit verrichtet der Priester und die neue Hl.-Kreuz-Gemeinde zu Halle heute folgende Funktionen: Durchführung von Gottesdiensten und Seelsorgediensten, Wohltätigkeitsaktivitäten, sowie Repräsentieren des Christlich-Orthodoxen Glaubens in der Kirchengemeinde.

Priester Alexei Tomiouk,
Hauptgeistlicher der Russischen Kirchengemeinde in Halle.